Dyskalkulie

„Wer nicht rechnen kann, ist einfach doof“ – so oder ähnlich wurde und wird immer noch über viele Kinder gedacht, die in der Schule im  Fach Mathematik oftmals dramatisch versagen. Die Öffentlichkeit hat sich mittlerweile daran gewöhnt, dass es so etwas wie Legasthenie gibt. Dass es eine in gewisser Weise vergleichbare Störung bei Erwerb der ganz grundlegenden Fertigkeiten im Umgang mit Zahlen und den grundlegenden mathematischen Operationen gibt, hat sich leider noch nicht so herumgesprochen. Mittlerweile weiß man aber auch, dass es eine umschriebene Rechenstörung bei normal entwickelter durchschnittlicher und sogar überdurchschnittlicher Intelligenz geben kann. Man spricht  dann von einer Dyskalkulie. Die systematische  wissenschaftliche  Erforschung dieser anderen wichtigen Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten begann erst in den 70er Jahren des 20.Jahrhunderts.

Woran kann man nun erkennen, ob ein Kind von einer Dyskalkulie betroffen ist. Auch hier gibt es wieder – ähnlich wie bei der Legasthenie – medizinisch-wissenschaftlich festgelegte Maßstäbe, die sicherlich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch genauer gefasst werden. Gegenwärtig gehört zu einer fachkundig richtig durchgeführten Diagnostik folgendes:

  • es wird eine individuelle differenzierte Intelligenzdiagnostik durchgeführt
  • es werden fachkundig Rechentests durchgeführt
  • erstrebenswert ist es, wenn neben dieser sog. quantitativen Diagnostik auch eine sog. qualitative  Diagnostik der Rechenfertigkeiten  vorgenommen wird, um genauer beschreiben und einschätzen zu können, wie genau das betroffene  Kind zu seinen  - ja offiziell – falschen Rechenergebnissen kommt. Dyskalkulie-Experten  sprechen hier vom „lauten Denken“, d.h. das Kind wird eingeladen, seine Denkwege, seine Strategien laut zu beschreiben.
  • es ergibt sich im Rahmen dieser Testdiagnostik eine sehr bedeutsame  Diskrepanz zwischen dem  (allgemeinen) intellektuellen Niveau des Kindes und seinem Entwicklungsstand in den mathematischen Grundoperationen
  • schulische Informationen sollten bei dieser Diagnostik  miteinbezogen werden
  • es wird eine ausführliche Anamnese in einem ausführlichen Gespräch mit den Eltern, mit dem Kind selber und anderen wichtigen Bezugspersonen erhoben (mit „Anamnese“ ist also die gründliche Erfassung der  gesamten Vorgeschichte des Kindes incl. seiner Schwierigkeiten und seiner Stärken gemeint)
  • unkorrigierte Defizite im Sehen und im Hören werden fachärztlich ausgeschlossen - andere neurologische oder psychiatrische Störungen werden ebenfalls als  Ursache für die vorliegenden Rechenprobleme ausgeschlossen.

Die vielleicht wichtigsten Merkmale  einer Rechenstörung sind beim gegenwärtigen Kenntnisstand folgende:

  • das Kind hat nur unzureichende und einseitige Vorstellungen, Konzepte über Zahlen, die Stellenwerte (also Einer, Zehner, Hunderter etc.) und die Operationen (also plus, minus etc.), die man mit diesen Zahlen vornehmen kann
  • um im alltäglichen Leben und insbesondere in der Schule überhaupt klar zu kommen, hat das Kind typischerweise das sog. sture, verfestigte zählende „Rechnen“ entwickelt.
  • Eigentlich rechnet das Kind nicht wirklich, sondern bewegt sich durch Vorwärts - und Rückwärtszählen oftmals mit einer erstaunlichen Geschicklichkeit durch die Zahlenwelt, die für das Kind letztendlich nur ein nicht durchschaubares Labyrinth darstellen
  • Es greift – viel zu lange – dabei auf das Fingerabzählen oder andere (oft sehr geschickt versteckte) Zählhilfen zurück - Dabei treten  dann oft typische Verzählfehler (meistens um 1, oft aber auch um 5 oder um 10 auf)
  • Zahlen werden mehr als Namen verstanden; eine Zahl ist für das Kind keine Abstraktion, die etwas über Mengen aussagt. Zahlen werden nicht als Stellvertreter, quasi „Abkürzungen“ von Mengen verstanden
  • Dadurch versteht ein Kind auch nicht in der Tiefe, was eigentlich genau „addieren“, „subtrahieren“  etc. bedeutet - Die Kinder können oft auch nicht Zahlen zergliedern. Sie können dadurch auch nicht günstigere Rechenstrategien anwenden
  • Das, was dekadischer  Zahlenaufbau genannt wird, ist nicht richtig verstanden. Es kommt hier zu Verwechslungen – das klassischste Beispiel wären hierzu sog. Zahlendreher. Zwei- oder mehrstellige Zahlen werden also nicht als Ziffern für eine Zahl begriffen, sondern tatsächlich als zwei oder mehr Zahlen (mit denen dann teilweise wahllos operiert wird).
  • Viele Kinder mit einer ausgeprägten  Rechenschwäche haben auch Schwierigkeiten, sich räumlich zu orientieren oder angemessene innere räumliche Vorstellungen zu entwickeln und damit  weiter zu arbeiten. Oftmals liegt z.B. eine ausgeprägte Links-Rechts-Unsicherheit vor.
  • Das Umgehen mit Maßeinheiten (z.B. Gewichte, Geld, Uhrzeiten!!) bereitet ganz große Schwierigkeiten
  • Im Laufe der Zeit vertrauen die Kinder immer mehr ihren – eigentlich ja – unglückseligen,letztendlich furchtbar viel Zeit verbrauchenden Zähl- oder Auswendiglern-Strategien und akzeptieren bereitwillig die absurdesten Ergebnisse  ihres „Rechnens“
  • sog. Platzhalteraufgaben oder Umkehraufgaben oder auch Textaufgaben stellen oft unüberwindbare Hürden für die Kinder dar. Sie können nicht verstehen und umsetzen, was sie bei solchen Aufgaben eigentlich „machen“ sollen
  • all dies  führt zu übermäßigen  Anforderungen und Überforderungen im Bereich der Konzentration, so dass diese Kinder oft mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern verwechselt werden.

Rechenschwäche, Dyskalkulie ist also auf der Ebene des kindlichen Denkens ein klar beschreibbarer Zusammenhang von Fehlvorstellungen, fehlerhaften Denkweisen, nicht ausreichenden Zahlenwissen und letztlich nicht zielführenden Lösungsmustern zu den `einfachsten` mathematischen Grundlagen wie Zahl, Stellenwert, Grundrechnungsarten.

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